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... und meine Mitbürga
Manchmal beginnt eine bessere Welt mit einem ganz einfachen Gedanken: Das müsste doch auch besser gehen.

Hier sammeln wir Geschichten darüber, wie es schon bald sein könnte. Frei erfunden, aber doch sehr realistisch.

Keine abgefahrenen Utopien. Einfach ein bisschen menschlicher, fairer, leichter oder schöner.

Vielleicht hast du selbst so ein Bild im Kopf.
Dann erzähl uns davon. Schreib eine kurze Geschichte darüber, wie du dir morgen wünschst.

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muss nicht schmecken
+++ Harzer Käseblatt +++ Regional +++ 05.03.2027 +++ 16:21 +++ YMAGG3STE +++

In Sonnensenken hat Gerdas glücklicher Gurkentreff wieder geöffnet - aber ganz anders.


In Sonnensenken haben die Menschen aus der Not eine Tugend gemacht. Aus einer privaten Betreuungslösung für Angehörige mit Demenz wurde eine neue Begegnungsstätte für das ganze Dorf. Eine Gaststätte ist das frühere Lokal dabei gerade nicht: Es gibt keine Speisekarte, keine Kasse und keinen Konsumzwang.


Sonnensenken. Lange vor Corona stand die Abkürzung 3G für Gerdas glücklichen Gurkentreff. Ein kleiner Landgasthof in Sonnensenken, betrieben von einer zierlichen Dame mit einem grünen Daumen. Nicht weniger als 68 Sorten Gurken aus 24 Ländern züchtete Oma Gerda. Im Spitzensommer 2003 bekamen ihre Gäste stolze 8.161 Gurken aus eigenem Anbau serviert.

Nach dem Bau der Umgehungsstraße wurde das Geschäft ruhiger. Nach Gerdas Tod 2015 wurde der glückliche Gurkentreff geschlossen. Seither lagen Gasthof, Gewächshäuser und unzählige Gurkenrezepte in einem Dornröschenschlaf.

Zwölf lange Jahre.

Bis sich vor zwei Wochen jemand fand und die 3G wach küsste. Kein junger Prinz, sondern eine altbekannte Not.

Der Brandanschlag auf die Flüchtlingsunterkunft am 13. Februar 2027 — und das Einstellen der Ermittlungen nach gerade mal einer Woche — hat viele Menschen im Land schockiert.

Für Familie Yılmaz war es ein Schock zu viel.

Nach 19 Jahren in Sonnensenken beschlossen Aylin und Cem Yılmaz, die Bundesrepublik zu verlassen. Das Land, das ihre Eltern einst mit vielen Versprechen als Gastarbeiter angeworben hat. Das Land, in dem sowohl Aylin und Cem als auch ihre beiden Töchter geboren wurden.

Mit Cem verlor Sonnensenken einen stets gut gelaunten, handwerklich geschickten und hilfsbereiten Pächter der Tankstelle, gleichzeitig den besten Dönermann und Pizzabäcker im ganzen Landkreis, den Getränkehandel, bei dem man auch Sonntag abends noch spontan zwei Kasten Bier und Grillkohle bekam, sowie den Paketshop.

Mit Aylin verloren zwei Familien die Kinderbetreuung und drei Familien die Seniorenbetreuung. Für die beiden jungen Familien hingen Jobs und Gehälter in der Luft. Den älteren Familien fehlte die Zeit für Besorgungen, für Arztbesuche und Behördengänge. Allen fehlte die Zeit, um einfach mal durchzuatmen und neue Kraft zu tanken.

Bis Gerdas Enkel Timo vor zwei Wochen den glücklichen Gurkentreff zur Verfügung stellte. Ein Ort, an dem alles möglich ist.

Bilder von frisch geernteten und unterschiedlich zubereiteten Gurken

Wenn Marianne Kruse morgens die Tür zu Gerdas glücklichem Gurkentreff aufschließt, führt ihr erster Weg in die Küche. Sie bindet sich eine Schürze um, prüft die Vorräte und beginnt mit den Vorbereitungen für das Mittagessen.

Marianne hat fast ihr ganzes Berufsleben als Köchin in dieser Gaststätte gearbeitet.

Heute lebt sie mit einer Demenzerkrankung. Neues verunsichert Marianne. Einfach mal so in die Tagespflege geht also nicht. Einerseits, weil es im Umkreis keine Tagespflege gibt. Aber eben auch, weil schon die fremd gewordene Nachbarswohnung bei Marianne eine Panikattacke auslösen kann.

In der alten Küche dagegen weiß Marianne noch immer, wo was steht und in welcher Schublade sie was findet.

Im Gastraum sitzt währenddessen Rolf Albrecht über Wanderkarten. Der frühere Vorsitzende des örtlichen Wandervereins stellt Wege rund um Sonnensenken zusammen, prüft alte Streckenbeschreibungen, erstellt Proviantlisten und zeichnet Rastplätze ein.

Auch Rolf lebt mit Demenz. In Gerdas glücklichem Gurkentreff saß er dreißig Jahre lang jeden Donnerstag am Stammtisch – immer auf seinem Stammplatz neben dem Fenster, unter dem Hirschkopf.

Der Hirschkopf trägt heute einen Kranz aus Wiesenblumen im Geweih. Es wirkt dadurch weniger wie eine Jagdtrophäe, mehr wie ein geduldiger Beobachter des bunten Treibens in der alten Gaststube.

Die Wiesenblumen hat Judith gepflückt und dem Hirsch ins Geweih gebunden. Judith ist seit 53 Jahren mit Rolf verheiratet. Zu seinem Stammtisch hat Judith ihren Rolf nur selten begleitet. Der präparierte Hirsch an der Wand war ihr nie so ganz geheuer. Heute ist sie dankbar, wenn Rolf unter dem Hirsch sitzt und Wanderrouten plant. Dankbar, weil man Rolf dann ansieht, dass er sich wohl fühlt. Dankbar, weil Judith dann in die Stadt fahren kann, ohne sich Sorgen zu machen.

Denn Rolf und Marianne sind nie allein im 3G. Judith wechselt sich bei der Betreuung mit Wilhelm ab, Mariannes Mann. Oft ist auch Silke da, die Nachbarin, die gleich am ersten Tag ihr Home-Office in die Gaststube verlegt hat. Silke ist froh, nicht mehr den ganzen Tag allein in ihrem Arbeitszimmer zu sitzen.

So unerwartet wie Silke, kommen seither jeden Tag mehr Dorfbewohna ins 3G. Manche bleiben nur auf einen Kaffee, andere verbringen mehrere Stunden hier.

Jeden Tag ins Gasthaus zu gehen, das wäre für die Rentna in Sonnensenken nicht zu bezahlen. Die Rente beträgt in der Gegend oft unter 1.300 Euro. Doch in Gerdas glücklichem Gurkentreff wird seit der Neueröffnung nichts verkauft. Man braucht also kein Geld, um herzukommen.

Wer Durst hat, hält sein Glas unter den Wasserhahn oder bringt eine eigene Flasche Bier mit. Manche kommen mit einer Stulle, andere legen Kartoffeln, Gemüse oder ein Glas Eingekochtes in die Küche und machen damit Marianne eine Freude.

Marianne kocht aus dem, was da ist. Mittags wird gemeinsam gegessen.

Eine Gaststätte im rechtlichen Sinne sei das nicht, betont Wilhelm Kruse. Es gebe keinen Ausschank, keine Speisekarte und keine Rechnung. Dafür alt bekannte Frotzeleien, gemeinsames Lachen und oft genug auch sentimentale Gespräche, bei denen die eine oder andere Träne fließt.

Ein festes Programm gibt es auch nicht. Einer liest die Zeitung vor, jemand bringt Karten mit, andere helfen Rolf bei seinen Wanderrouten. Inzwischen wird darüber gesprochen, demnächst einige der kürzeren Wege gemeinsam abzulaufen.

Wenn das Wetter passt, helfen alle Wilhelm, die Gewächshäuser wieder in Schuss zu bringen.

Donnerstags trifft sich die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr zur Probe. Heute finden sich sogar ein paar Mutige, die sich dazu auf die Tanzfläche wagen. Eine gute Kapelle kann schließlich jedes Lied zum Foxtrott machen und die älteren im Saal drehen bei der Polka sogar richtig auf.

Nach einigen Stunden und vielen Gesprächen ist klar: Gerdas glücklicher Gurkentreff zeigt, was richtig läuft im Land.

Alles ist möglich, wenn wir uns gegenseitig unterstützen. Und vor allem: wenn wir das, was wir machen, mit Herz, Humor und Haltung machen.